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Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report

Auf der Eurobike 2026 haben gleich zwei Hersteller das Ende der klassischen Kettenschaltung am E-MTB eingeläutet: Avinox zeigt mit dem MG Concept einen Motor mit integriertem, stufenlosem Getriebe – und der Newcomer Gobao kontert mit einem System, das schon erstaunlich serienreif wirkt. Für Normalfahrer ist das eine richtig gute Nachricht. Wäre da nicht dieses Wattrennen.

Zwei Motoren, eine Ansage

Was jahrelang als Zukunftsmusik galt, stand in Frankfurt plötzlich doppelt in der Halle: der E-Bike-Motor mit eingebauter Schaltung. Kein Schaltwerk mehr am Hinterrad, keine Kassette, keine Gangsprünge – stattdessen ein sogenanntes eCVT, ein elektronisch gesteuertes, stufenloses Getriebe direkt im Motorgehäuse. Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können: Statt fester Gänge, zwischen denen man hin- und herspringt, passt das System die Übersetzung permanent und ohne spürbare Stufen an. Man tritt einfach – die gewünschte Trittfrequenz hält die Software. Wer will, kann sich virtuelle Gänge definieren und weiter selbst schalten. Muss man aber nicht.

Neu ist die Grundidee nicht: Pinion kombiniert mit der MGU schon länger Motor und Getriebe, allerdings mit festen Gangstufen, und auch Decathlons Owuru-Antrieb arbeitet stufenlos. Neu ist, dass das Konzept jetzt mit voller Wucht im sportlichen E-MTB-Segment ankommt – und dass sich ausgerechnet zwei chinesische Hersteller darum prügeln, während Bosch, Shimano und SRAM zuschauen.

Gobao? Nie gehört – das dürfte sich ändern

Der Name Gobao sagt den meisten hierzulande nichts. Das Unternehmen aus Dongguan trat auf der Eurobike allerdings alles andere als bescheiden auf: großer Stand, ausgerechnet am ehemaligen Bosch-Platz, direkt gegenüber von Avinox. Und pikant: In der Branche heißt es, bei Gobao arbeiten etliche ehemalige Avinox-Leute. Das ist kein Zufall, das ist eine Kampfansage.

Das X-System kommt in zwei Varianten: Der Gobao X1 liefert 120 Nm Drehmoment und 1.200 Watt Spitzenleistung bei 400 Prozent Übersetzungsbandbreite – gedacht für City und Trekking. Der X1P zielt aufs E-MTB: 150 Nm, 1.500 Watt Peak, 500 Prozent Bandbreite. Beide Einheiten wiegen 3,85 Kilo und sind damit leichter als Pinions MGU. Zum Vergleich für Einsteiger: 500 Prozent Bandbreite entspricht ungefähr dem, was eine aktuelle 12-fach-Kettenschaltung abdeckt – vom leichtesten Berggang bis zum schnellsten Gang ist also alles da.

Dazu packt Gobao ein Schnellladesystem, das aufhorchen lässt: Mit dem 1,5-Kilowatt-Lader soll der 750-Wh-Akku in rund 20 Minuten von 10 auf 80 Prozent laden. Zum Einordnen: Bei etablierten Systemen dauert das gerne mal das Vier- bis Fünffache. Serienproduktion ist für Februar 2027 angekündigt – große Bike-Marken als Partner hat Gobao bislang allerdings noch nicht vorzuweisen.

Avinox MG Concept: Die Antwort kam auffällig schnell

Avinox – die E-Bike-Marke aus dem DJI-Umfeld – hat erst im April die neuen Motoren M2 und M2S gelauncht. Keine drei Monate später steht nun das MG Concept auf der Messe: ein Motor-Getriebe-System auf Basis des M2S, also mit bis zu 150 Nm und 1.500 Watt Spitzenleistung. Die Übersetzung arbeitet stufenlos über eine Bandbreite von bis zu 520 Prozent, Schaltvorgänge sollen in unter 0,1 Sekunden passieren – im Stand, unter Volllast, sogar mehrere Gänge auf einmal. Dazu verspricht Avinox eine bis zu dreifache Haltbarkeit des Antriebsstrangs, zehn Prozent mehr Effizienz und erstmals Rekuperation, also das Rückgewinnen von Energie beim Bremsen oder Bergabfahren. Wie diese Werte zustande kommen, bleibt der Hersteller allerdings noch schuldig – es ist ein Konzept, kein fertiges Produkt.

Trotzdem ist die Sache weiter, als das Wort Konzept vermuten lässt: Auf dem Stand standen bereits Prototypen-Rahmen von Canyon, Commencal, Forbidden, Mondraker und Megamo, die explizit für die neue Einheit konstruiert wurden. Erste Serienbikes stellt Avinox für 2027 in Aussicht. Und trotzdem bleibt ein Beigeschmack: Wer ein halbfertiges System überstürzt zeigt, während gegenüber der Herausforderer mit fahrbaren Prototypen glänzt, wirkt weniger wie ein souveräner Marktführer – und mehr wie einer, der die Konkurrenz sehr ernst nehmen muss.

„Wenn ein Marktführer ein unfertiges Konzept aus dem Hut zaubert, ist das keine Produktpolitik – das ist Nervosität.“

Warum das für dich eine gute Nachricht ist

Hand aufs Herz: Das Schaltwerk ist die größte Schwachstelle am modernen E-MTB. Es hängt exakt dort, wo Felsen, Wurzeln und Stürze hinzielen, es verschleißt unter der Motorpower schneller als am Bio-Bike, und es kostet im Ersatzfall richtig Geld. Ein gekapseltes Getriebe im Motor löst gleich mehrere dieser Probleme auf einmal: Alle empfindlichen Teile sitzen geschützt im Ölbad, die Kettenlinie bleibt gerade oder weicht gleich einem wartungsarmen Riemen, am Hinterrad hängt weniger Gewicht – was nebenbei dem Fahrwerk guttut – und der berüchtigte Schaltauge-Abriss im Steinfeld gehört der Vergangenheit an. Gerade für Einsteiger und Vielfahrer, die nicht jedes Wochenende in der Werkstatt stehen wollen, ist das die vielleicht sinnvollste Antriebs-Innovation seit Jahren.

Ganz ohne Fragezeichen geht es nicht: Stufenlose Getriebe gelten traditionell als etwas weniger effizient als eine gut gewartete Kettenschaltung, was Reichweite kosten kann. Geht die Einheit kaputt, ist eben nicht nur ein 80-Euro-Schaltwerk fällig, sondern potenziell der ganze Block. Und man bindet sich noch stärker an das Ökosystem eines einzigen Herstellers – Motor, Schaltung, Akku, App, alles aus einer Hand heißt eben auch: alles in einer Hand. Preise nennt übrigens noch keiner der beiden.

Und jetzt der Haken: 1.500 Watt

So sehr uns die Getriebe-Idee überzeugt, so sehr stört uns der Rahmen, in dem sie stattfindet. Beide Systeme ankern in der Topversion bei 150 Nm und 1.500 Watt Spitzenleistung – dem Fabelwert, den Avinox mit dem M2S etabliert hat und an dem sich nun offenbar jeder neue Antrieb messen lassen muss. Formal ist das alles legal, weil die Nenndauerleistung bei 250 Watt liegt. Aber machen wir uns nichts vor: Ein 25-km/h-Pedelec mit der Spitzenleistung eines Kleinkraftrads ist genau das Bild, das Wanderverbände, Grundeigentümer und Behörden vor Augen haben, wenn über Trailsperrungen und schärfere Regeln diskutiert wird. Wir haben es oft genug geschrieben: Die Zukunft des E-MTBs liegt in leichten, effizienten Motoren mit moderater Leistung – mehr Bike, weniger Moped. Ausgerechnet die stufenlose Schaltung wäre dafür der perfekte Partner, weil sie den Motor permanent im effizientesten Bereich hält. Stattdessen wird sie als Vehikel im Wattrennen verheizt.

„Das Schaltwerk stirbt – das Wattrennen leider nicht.“

Was die Community sagt

In den einschlägigen Foren wird das Thema seit Tagen heiß diskutiert – und das Stimmungsbild ist gespalten. Viele Rider empfinden das klassische Schaltwerk am leistungsstarken E-MTB ohnehin als Anachronismus und begrüßen, dass endlich jemand ernst macht. Skeptiker halten dagegen: höhere Kosten, offene Fragen bei Effizienz und Langzeithaltbarkeit, und die Sorge, sich mit Motor, Getriebe und Akku komplett einem Hersteller auszuliefern. Auch am Automatikmodus gibt es erste Kritik von Testern und Fahrern: Das System schiebt in höheren Gängen mit eher niedriger Trittfrequenz Richtung 25-km/h-Grenze – für die Stadt angenehm, am Trail wünschen sich sportliche Fahrer mehr Kadenz. Auffällig ist aber: Selbst viele, die dem E-MTB-Wattrennen kritisch gegenüberstehen, finden die Getriebe-Integration selbst richtig. Die Diskussion dreht sich weniger um das Ob als um das Wie.

Einordnung: Wer gewinnt das Rennen?

Kurioserweise wirkt aktuell der Newcomer reifer: Gobao zeigte ein fahrbares, erstaunlich leises System mit konkreten Daten und Serientermin, Avinox eine vielversprechende, aber vage Studie – dafür mit fünf namhaften Bike-Marken im Rücken und der Marktmacht von inzwischen über 60 Partnermarken. Für uns ist die spannendere Frage ohnehin eine andere: Die Zukunft des E-MTB-Antriebs wird gerade zwischen zwei chinesischen Herstellern ausgehandelt, während die alteingesessenen Größen der Branche bestenfalls Zaungast sind. Spätestens 2027, wenn die ersten Serienbikes rollen, wissen wir, ob das Schaltwerk am E-MTB wirklich ein Auslaufmodell ist. Wir würden darauf wetten – und uns wünschen, dass die zweite Generation dieser Getriebemotoren dann beweist, dass Innovation auch ohne 1.500 Watt auskommt.


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